PraktikantInnen müssen bezahlt werden

Bernardica Kabus, die Soziale Arbeit studiert und bei uns ein sechsmonatiges Praktikum macht, hat an der Fachhochschule Köln mehrere Hundert Unterschriften unter den Studierenden für die Bezahlung der Praktika gesammelt. Diese Forderung wurde auch auf einer von ihr mitorganisierten Podiumsdiskussion diskutiert. Im folgenden dokumentieren wir ihren Text zu diesem Thema. Der Kölner Appell gegen Rassismus unterstützt diese Forderung: PraktikantInnen müssen bezahlt werden. 
Unbezahltes Praktikum – ein unmoralisches Angebot?

Das Bundesarbeitsgericht kam am13. März 2003 (6 AZR 564/01) zu dem Schluss: ,,Praktikant ist, wer sich für eine vorübergehende Dauer zwecks Erwerb praktischer Kenntnisse und Erfahrungen einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit und Ausbildung, die keine systematische Berufsausbildung darstellt, im Rahmen einer Gesamtausbildung unterzieht, weil er diese für die Zulassung zum Studium oder Beruf, zu einer Prüfung oder anderen Zwecken benötigt.“

Wer Soziale Arbeit in NRW studiert, wird sich spätestens im vierten Semester des Studiums einige Fragen gefallen lassen müssen. Gehören die 720 Stunden des Praktikums in die Rubrik „Nutzen“ oder „Ausgenutzt werden“? Wer lernt eigentlich von wem und wer profitiert davon? Was ist eigentlich wertvoll und was billig, die Ausbildung oder die Arbeitskraft?
Über eindeutig mehr unangenehme Fragen als befriedigende Antworten zu diesem Thema wird nicht so gerne offen geredet. Vieles wird gehandhabt ganz nach dem alten Motto:“ Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, oder aus den Augen aus dem Sinn“. Es ist ein Spiel nach bekannten Regeln, es ist so und es bleibt so solange sich keiner darüber beschwert!
Dabei fragen sich die Studierenden auf der Suche nach einer Praxisstelle, die bald eventuell eine Stelle, aber kein Geld dort bekommen, wie sie das halbe Jahr im Praktikum überleben sollen. Spätestens dann sollte eigentlich nach Bezahlung des Praktikums gefragt werden, denn bald führen die Erkenntnisse über unterschiedliche Bezahlungen bei den anderen Kommilitonen zur Erleuchtung: „Das Geld ist zwar nicht alles, aber ohne Geld bist Du nichts“. Für diese ernüchternde Wahrheit muss man kein BWL studiert haben, sondern überlegen, wie man sich am besten präsentiert. Die Studierenden im sozialen Bereich haben meistens nicht sehr reiche Eltern, die sie unterstützen, leben vom Bafög und von den Minijobs, die das Leben knapp unter der Armutsgrenze erlauben. Sie sind gewohnt das Wenige, was sie haben mit den anderen zu teilen und beschweren sich normalerweise nicht, da ihnen oft die Kraft dazu fehlt. Sie spielen nach den Regeln des Studiums, auch wenn es oft nicht nur mitmachen heißt, sondern mitleiden bedeutet. Im wahren Leben wird ihr Wert nicht viel geschätzt, da sie eben wie eine Ware umsonst zu haben und jederzeit mit den Ehrenamtlern zu ersetzen sind.
Ist dieser Stand, eigentlich ein Zustand, so einfach zu erklären, oder haben wir uns das auch selber zu verdanken? Ist unsere Leistung messbar und wertvoll genug um bezahlt zu werden?
Wir lernten, dass es keine blöden Fragen gibt, dass es wichtig ist sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, von der Ganzheitlichkeit “ Kopf, Herz und Hand“, vom Prinzip „Fördern und Fordern“ wobei uns die Ziele der Grundsicherung klar gemacht wurden: Stärkung der Eigenverantwortung und Sicherung des Lebensunterhaltes.
Wie kann es sein, dass von den Studierenden im Praxissemester eine Leistung abverlangt wird, die auch gründlich dokumentiert und benotet wird, ohne dass sich bis jetzt jemand Gedanken über unser Lebensunterhalt während der Zeit gemacht hatte?
Wie ist es möglich, dass wir eine Praxismesse als Vermittlungsmarkt unterstützen, wobei dort kaum bezahlte Stellen zu finden sind? Wie viel Selbstbewusstsein gehört dazu den Leuten eine Stelle ohne Vergütung anzubieten? In allen anderen Berufsgruppen wäre es unvorstellbar und glatt mit einem unmoralischen Angebot gleich zu stellen gewesen, nur im sozialen Bereich scheint dies für viele Kommunen eine gängige Praxis zu sein!
Die Begründung, dass wir noch nicht zu Ende und komplett ausgebildet wurden und deswegen nicht bezahlt werden sollten, würde in allen anderen Bereichen für das Kopfschütteln sorgen. Jeder anständiger Mensch würde von der positiven Motivation und Anerkennung der Leistung reden. Was ist das für eine Anleitung, die es nicht schafft uns die Kenntnisse beizubringen damit wir ordentlich mitwirken können? Vor der Umstellung auf Bachelor wurden die Studierenden in ihrem Anerkennungsjahr zu zwei Dritteln bezahlt. Wo ist das Geld geblieben? Wem wurde das zu viel des Guten?
Der Mensch und die Lösung von den sozialen Problemen befinden sich in einer Sackgasse.
Die Loyalität der FH und der Wissenschaft gegenüber wird an dieser Stelle in Frage gestellt.
Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt die Armut lieber zu verwalten statt sie zu bekämpfen, sogar dann wenn sie direkt vor unseren Augen steht?
Bernarda Kabus

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